Caster Semenya

Hyperandrogene Frauen im Sport – Olympiasiegerin Caster Semenya im Fokus des Sportrechts


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Die 25-jährige Mittelstreckenläuferin Caster Semenya gewann an den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro die Goldmedaille über die 800-Meter-Distanz. Mit 1:55.28 verbesserte sie ein weiteres Mal ihre eigene Bestzeit. Die Südafrikanerin dominiert ihre Gegnerinnen fast nach Belieben und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sie auch die 33 Jahre alte Weltrekordzeit von Jarmila Kratochvilova unterbieten wird. Die sportlichen Leistungen von Caster Semenya sorgen jedoch seit Jahren für grosse Diskussionen – ist sie wirklich eine Frau bzw. wieviel Testosteron darf eine Frau tatsächlich haben? Dem Sportrecht fehlen bislang die Antworten. Nachfolgend liefern wir Ihnen einen Überblick über den Caster Semenya Fall und das Thema des Hyperandrogenismus im Sport.

WM-Gold und Sperre aufgrund ungewöhnlich hoher Testosteronwerte

Caster Semenya katapultierte sich 2009 ins Scheinwerferlicht der Leichtathletik. Als 18-jährige gewann sie in Berlin hochüberlegen die WM-Goldmedaille über die 800-Meter-Distanz. Ihr muskulöser Körperbau, ihre männlichen Gesichtszüge und ihre tiefe Stimme sorgten dabei für grosse Aufregung (nebst der gewaltigen Leistungssteigerung innerhalb nur eines Jahres). Die Aufregung führte soweit, dass der Internationale Leichtathletik-Weltverband (IAAF) im Anschluss an die Weltmeisterschaften einen Geschlechtstest anordnete und Caster Semenya von allen zukünftigen Wettbewerben ausschloss. Den Ausschluss begründete die IAAF damit, dass bei Semenya die körpereigene Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron (hilft beim Muskelaufbau und der Erholung) deutlich über dem Normalwert für Frauen liegt (Hyperandrogenismus), was häufig bei Intersexuellen der Fall ist. Mittlerweile ist auch bekannt, dass Caster Semenya neben weiblichen Geschlechtsorganen im Unterleib versteckte Hoden besitzt.

Die IAAF legt eine Testosteronobergrenze fest

11 Monate nach dem Ausschluss von Semenya führte die IAAF eine neue Regel ein, wonach Frauen die einen bestimmten Testosterongrenzwert überschreiten, diesen medikamentös oder mittels einer Operation senken müssen, um an Wettkämpfen teilnehmen zu können. Die Obergrenze setzte die IAAF bei 10 Nanomol Testosteron pro Liter Blut fest. Bei Frauen misst man normalerweise zwischen 1 und 3,3 Nanomol. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) führte dieselbe Regelung ein. Caster Semenya nahm von da an Mittel zur Reduzierung des Teststosteronspiegels und gewann an den Weltmeisterschaften 2011 in Daegu sowie den Olympischen Spielen 2012 in London die Silbermedaille (obwohl sie nicht mehr an ihre früheren Bestzeiten herankam).

Die Festsetzung eines Testosterongrenzwerts stiess verbreitet auf Kritik, denn aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich kein biologischer Grenzwert bestimmen, mit welchem eine Grenze zwischen Frau und Mann gezogen werden kann. Vielmehr sind die Grenzen fliessend.

Der Court of Arbitration for Sport setzt die IAAF-Regel vorläufig aus

2015 gelangte die indische Sprinterin Dutee Chand an den Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne. Sie wurde wegen Hyperandrogenismus gesperrt und klagte gegen den Zwang sich Hormontherapien unterziehen zu müssen (um den Testosteronspiegel zu senken). Der CAS gab ihr Recht und setzte die IAAF-Regel vorläufig aus (CAS 2014/A/3759 Dutee Chand v. AFI & IAAF). In seinem Entscheid führte er insbesondere aus, dass es bis anhin keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang zwischen Hyperandrogenismus und einer gesteigerten Leistungsfähigkeit bei Athleten gäbe. Sollten diesbezüglich bis im Juli 2017 keine neuen Beweise vorliegen, werde die IAAF-Regel zum Hyperandrogenismus für ungültig erklärt. Die IAAF hat daraufhin eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben, welche klären soll, ob hyperandrogene Frauen einen Vorteil im Wettkampf haben. Die Ergebnisse sollen in einem Jahr vorliegen.

Aufgrund des CAS-Entscheids sind Dutee Chand und Caster Semenya bis auf Weiteres auch ohne Reduzierung ihres Testosteronspiegels an sämtlichen Wettkämpfen startberechtigt. Vor allem die sportlichen Leistungen von Caster Semenya haben sich seit der Aussetzung der IAAF-Regel stark verbessert. Sie lief in diesem Jahr die drei mit Abstand schnellsten Zeiten über die 800 Meter (persönliche Bestleistungen) und gewann an den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro die Goldmedaille. Ihre Dominanz ist erdrückend. Es bleibt anzumerken, dass mit Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia) zwei Athletinnen Silber und Bronze gewannen, welche gemäss übereinstimmenden Medienberichten ebenfalls intersexuell sind. Zusammen mit Semenya liefen die beiden Athletinnen auch die zehn schnellsten Zeiten in diesem Jahr (IAAF Jahresweltbestenliste 800 Meter Damen).

Welche Interessen sind höher zu gewichten?

Dass 7 Jahre nach dem WM-Titel von Caster Semenya noch keine definitive Entscheidung darüber gefallen ist, wie der Sport mit dem Hyperandrogenismus bzw. der Intersexualität umgehen möchte, zeigt die Verunsicherung der Entscheidungsträger. Das Thema ist hochsensibel und alle Beteiligten sind nach den respektlosen Äusserungen im Anschluss an die WM in Berlin, äusserst vorsichtig in ihren öffentlichen Statements. Bei der Beurteilung der IAAF-Regel sind heute zwei legitime Interessen gegeneinander abzuwägen: Das Interesse der Athletinnen nicht gegen hyperandrogene Frauen antreten zu müssen, welche womöglich von einem hormonellen Vorteil profitieren und das Interesse der hyperandrogenen Frauen (welchen bis anhin nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass sie aufgrund ihrer natürlichen Voraussetzungen bevorzugt sind) an den Frauen-Wettkämpfen teilnehmen zu können.

Das Ergebnis der wissenschaftliche Studie wird für die zukünftige Regelung von entscheidender Bedeutung sein. Auf jeden Fall sollten die Sportverbände einen fairen bzw. chancengleichen Wettkampf garantieren können.

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